Natur, Erinnerung
Die Gemälde von Ernesto Baltiswiler sind hermetische, in sich abgeschlossene Visualisierungen von Prozessen, die nur durch die Anschauung der Ganzheit der Bilder selbst mutmassbar werden. Dabei hilft der gelegentliche Verweis, der in den Titel erscheint, das Bild – auch missverständlich – mit gewohnter Wirklichkeit in Verbindung zu bringen, ja nach deren Abbild im Bild zu suchen. Aber was helfen Titel wie “Im Wald drinnen”, “Segelboot im Sturm”, “Erinnerung an Spitzbergen” oder “Taschenlampe im Wald”, wenn doch deren Ablesbarkeit im Bild verweigert ist durch eine autonome Bildfindung, durch den Verzicht auf eine sichtbare Gegenständlichkeit, durch die Verweigerung assoziationslenkender Illustration?
Baltiswilers Bildern eignet die Ausgewogenheit, die auf die Harmonie der Bildkomposition und der Farbgebung ebenso zielt wie auf die Ponderiertheit des Seherlebnisses beim Betrachter. Kein Verlass ist auf diese Bildschöpfungen, was Wiedererkennbarkeit oder Nachahmung betrifft; sie rufen aber eine Sensibilität wach, die über das Erlebnis des harmonischen Bildganzen auf Erinnerung zielt, auf das Erkennen und Wiederaufnehmen von Stimmungen und Atmosphären, die uns durch die Bilder suggeriert werden. Baltiswiler greift dabei auf die Ergebnisse der Malereidiskussion des 20. Jahrhunderts zurück, er vermeidet jede scheinbar naive Position künstlerischer Unfertigkeit: Farbe etwa kann in Vielerlei Formationen erscheinen, als amorphe Fläche oder in fest umrissener Form, in den Rhytmen von Farbfeldern oder in vieldeutigen Lasuren, sich entfernend in immer leichter werdenden Gradationen. Doch immer zielt der Gebrauch von Farbe und die Setzung von Form auf die Übermittlung komplexer Sinnhaftigkeit, von Gefühlen und Ahnungen, auf das Wachrufen von Erinnerung, ja schliesslich auf unsere nachschauende Einbeziehung in den komplexen Arbeitsprozess vor der Leinwand, in dem sich schliesslich auch immer das Bild ein Stück weit selbst fertigmalt.
In diesen Bildern gehen unsere Augen auf die Reise, immer auf der Suche nach weiteren Ordnungen in den verwobenen Gefügen einzelner Muster. Solche Ordnungen bringen auch Gefüge und Strukturen in unser Sehen, sie rhythmisieren das Erlebnis des Schauens. Dominanten von Farbwerten lassen Leitmotive aufscheinen, die in veränderten Intensitäten zurückkehren und so Hauptlinien des Sehens erschaffen, autonome Strukturen innerhalb eines autonomen Gefüges , die mit nichts besetzt sind als mit der Gestaltungsabsicht des Künstlers und den Kodierungen , die unsere Kultur heute jedem Zeichen und jeder Farbe auflegt. Der Maler vermag uns immer wieder einzubeziehen in die Neuentstehung von bedeutsamen Konstellationen von Farbe/ Form: Schichtung, Reihung, Auflösung, von fester Form; Betonung wie auch Verweigerung von Kontrasten entwickeln sich im Malen. Verfolgen wir Betrachter diesen Prozess im Bild , sind wir wirklich “im Bild”, dann lösen sich in der Setzung von Grün und Rot über einem weiss-gold-ocker verlaufenden Grund, lasierend einsichtig , alle Vorstellungen von Komplementärkontrasten auf zu einer Harmonie von Gegensätzen, die keine Schrillheit kennt. Es gibt keine malerischen Gesetze, so scheint es, die nicht in einem Kunstwerk auch scheinbar aufgehoben werden könnten.
Baltiswilers Malerei ist von extremer Subjektivität und Gesammeltheit. Unübersehbar seine Einbindung in eine Malertradtion, die sich auf das Gesehene bezieht, ohne es zum Vorbild für das Abbild zu nehmen. Gesehenes und Erlebtes – wie besonders die nordische Natur – wird zum Ausgangspunkt von Schaffen durch die Erinnerung, durch Nachempfinden, Nachfühlen, Nachschaffen. Die Harmonien der Bilder, die dabei entstehen, entstammen dem Weltbild eines Künstlers, der in sich alles Gesehene neu erschafft und der dennoch, der Plötzlichkeit der Dinge nachgebend, auch den neu entstehenden malerischen Dingen ihre Selbständigkeit und eigenen Entwicklungen belässt.
Ulrich Krempel